Kommentar zum Handelsblatt-Artikel vom 29. März (siehe unten)

Von Tonio Walter, 29. March 2012

Solche einfachen Börsenregeln (wie im Artikel beschrieben) sind zu beachten, jedoch muss man das natürlich immer im gesamten Kontext sehen und kann sich nicht auf eine solche Regel versteifen. Es gilt immer verschiedenste Fakten und Regeln zu beachten. Die aktuell angezeigte Gewichtung der Regeln und Fakten ist das Ausschlag gebende. Und das kann man nur mit viel Erfahrung halbwegs gut bewerkstelligen. Befinden wir uns am Anfang- oder am Ende der Gier-Phase? Und wie sind alle anderen Parameter? Wenn ein Damokles-Schwert wie der mögliche Konkurs von ganzen Staaten nach wie vor über uns hängt, ist so etwas natürlich anders zu beurteilen.

Was auch immer wieder vergessen wird, ist, dass die Konjunktur ein Zyklus ist, der sich langsam aufbaut und irgendwann anfängt, sich rückwärts zu drehen, wenn die ersten Leute und Unternehmer vorsichtig werden. Diese Auf- und Abwärts-Spiralen sind sehr hartnäckig und schwer zu brechen. Es gibt einen Konjunkturzyklus (oder -Trend) und einen massgeblich darauf aufbauenden Börsentrend (oder auch -Zyklus). Oft wird auch vergessen, dass diese beiden Zyklen oder Trends nicht parallel verlaufen, sondern zeitlich ineinander verschachtelt oder verschoben sind. Wie genau verschachtelt oder verschoben sie verlaufen, kann man nicht generell sagen, das ist immer wieder anders. Typischerweise läuft die Börse dem realen Wirtschaftszyklus um 3 bis 6 Monate voraus. Es werden so zu sagen an der Börse aus irgend einem Grund aufkeimende Hoffnungen oder Ängste, später durch harte Fakten (wie Zahlen über das Wirtschaftswachstum) real bestätigt oder eben nicht. Die Realität korrigiert so zu sagen immer wieder die "Erwartungen" der Markteilnehmen, also oder Börse. Und wir reden hier vor allem vom Markt, wo Aktien gekauft und verkauft werden, also dem Aktienmarkt (oder: Aktienbörse). Die "Erwartungen" (die man auch in einzelnen Aktien beobachten kann) können je nach Situation sehr von Emotionen und Phantasie getrieben sein  - oder - abwartend von Vorsicht und kleinen Hinweisen wie unwichtigeren Wirtschaftsdaten, die auf die konjunkturelle Entwicklung nur vage Schlüsse zulassen.

Weil die konjunkturellen Auf- und Abwärtsspiralen eben - wie schon bemerkt - ziemlich hartnäckig sein können und die Auf- und Abwärtspiralen an den Börsen oft noch hartnäckiger sind, macht es manchmal (oft) Sinn - wenn ein Börsen-Trend (aus welchem Grund auch immer) - mal gesetzt ist, dem Trend bis zu einem gewissen Grade zu folgen. Dies macht auch deshalb (oft) Sinn, weil ein Aufwärtstrend eben positive Effekte hat, die realwirtschaftlich spürbar werden können und die deshalb die Realwirtschaft in diese Richtung "pushen" oder "drücken" können. Ein weiterer Grund - warum ein Börsentrend sehr hartnäckig sein kann - ist, weil die Marktteilnehmer alle z.B. von einer steigenden Börse profitieren und psychologisch deshalb (manchmal) dazu neigen (können), die schlechten Nachrichten zu verdrängen oder auszublenden und sich auf die Guten zu konzentrieren :). Zudem sind oft auch noch gruppendynamische Mechanismen zu beobachten, die stark in den "Herdentrieb" hineingehen. Situationen also, wo Menschen dazu neigen können, ihren eigenen Verstand teilweise abzuschalten. Auch ein einmal etablierter Abwärtstrend ist oft schwer zu brechen, aus teilweise ähnlichen Gründen.

Und weil - wie schon oben bemerkt - die Börse der realen Entwicklung ja meistens rund 3 bis 6 Monate voraus läuft, kann sich der (aus welchem Grund auch immer entstehende) Trend so zu sagen (manchmal) selbst bestätigen. Aktuell ist es aber fraglich, ob die Geldflut der Nationalbanken oder sonst etwas wirklich über den eher zu erwartenden konjunkturellen Abschwung hinweg hilft. Auch dass der Börsenaufschwung seit Anfang Jahr die Realität aktuell ins positive drehen kann, ist eher nicht zu erwarten. Normalerweise befinden wir uns in einem konjunkturellen Abwärtszyklus. Den Todestoss hat dem letzten Aufwärtszyklus ev. die Panik- und Bad-News-Welle im August 2011 verpasst. Dort haben sehr viele Leute angefangen zu denken, jetzt geht's abwärts. Und die Folge dieses Denkens könnten wir jetzt in den nächsten Wochen sehen.

Grundsätzlich ist es jedoch immer ein etwas höheres Risiko, auf einen Börsen-Abschwung zu setzen. Warum? Wie etwas weiter oben beschrieben: Weil alle von einer steigenden Börse profitieren. Niemand will die Party verderben, und das kann manchmal (wie gesagt) sogar die Realität ins positive drehen, manchmal aber auch nicht:) Es ist immer eine Gewichtungsfrage.


Handelsblatt-Artikel vom 29.03.2012

„Seid gierig, wenn andere ängstlich sind!“

Der Dax hat in diesem Jahr rasant zugelegt. Die Stimmung der Anleger ist gut - fast schon zu gut. Wer es mit Warren Buffett hält, fragt sich: Ist die Gier bereits zu groß? Und ist es an der Zeit, ängstlich zu werden?

An der Börse läuft es in diesem Jahr wie geschmiert: Gut 20 Prozent hat der Deutsche Aktienindex Dax seit 1. Januar zugelegt. Ist noch mehr zu holen, geht die Rally weiter? „Seid gierig, wenn andere ängstlich sind, und seid ängstlich, wenn andere gierig sind“, empfiehlt Warren Buffett. Der bekannte Milliardär muss es wissen, zählt er doch zu den erfolgreichsten Investoren der Welt.

Simon Klein ist überzeugt, dass Buffetts Aussage nach wie vor gilt. „Antizyklisches Verhalten kann sich oftmals auszahlen“, sagt der Europa-Chef von Lyxor, der Indexfonds-Tochter der französischen Société Générale. Das sieht Markus Zschaber genauso. „Die Börsenweisheit mahnt deutlich zur Vorsicht, eine fundamental ausgelegte Investitionsstrategie zu vernachlässigen und sich dem emotionalen Herdentrieb an den Börsen anzuschließen“, sagt der Vermögensverwalter aus Köln. Die Worte Buffetts seien zwar sehr plakativ und auch überspitzt, hätten aber definitiv weiterhin ihre Gültigkeit.

Doch was bedeutet das in der Praxis? Sollten Anleger nach der Jahresanfangsrally nun doch lieber Gewinne mitnehmen? Oder anders ausgedrückt: Ist an der Zeit, ängstlich zu werden? Nein, meint Simon Klein. „Eine Gier erkenne ich derzeit nicht“, sagt der Lyxor-Chef. „Es besteht also kein Grund, ängstlich zu werden.“ Er wertet den derzeitigen Anstieg als eine technische Erholung. Die Märkte hätten sich nach der Euro-Krise stabilisiert. „Marktteilnehmer sind also nicht so optimistisch oder gierig, wie es der kurzfristige Anstieg vermuten ließe“, so Klein. „Zudem scheint es so, dass viele Anleger nicht investiert sind.“ Seine Prognose: Kurzfristig wird es noch steigende Kurse geben, aber die langfristigen Aussichten sind generell negativ. Es wird zu einer Kurskorrektur kommen – nur eben noch nicht jetzt.

Sich an der Börsen von Gefühlen leiten zu lassen, ist nicht ungefährlich, wissen die Experten. „Angst und Gier sind überaus schlechte Ratgeber bei der Geldanlage“ sagt Vermögensverwalter Zschaber. Fakt sei, dass der heimische Dax in den vergangenen Handelswochen eine sehr starke Entwicklung gezeigt hat. „Doch darf man nicht vergessen, dass die emotionale Steigerung der Angst, nämlich die schlichte Panik, im Spätsommer des vergangenen Jahres dazu geführt hat, dass der Dax binnen weniger Handelstage von über 7.300 auf zeitweise unter 5.000 Punkte, in dieser starken Dynamik und Ausprägung fundamental unberechtigt, fiel.“ Wer damals, als die Panik am grössten war, antizyklisch gehandelt hat und eingestiegen ist, der hat bis heute satte Gewinne eingefahren.